Ballern für das Gute (Beobachter 08. Juli 2016)

TEXT: MATTHIAS VON WARTBURG

 

Jonathan Erhardt und Kaspar Gertsch wollen beweisen, dass Gamer mehr können, als sich in der virtuellen Welt abzukapseln. Die beiden waren leidenschaftliche Spieler. Nun richten sie ihre Energie aber auf ein neues Thema. Auf Gamer, die Gutes tun wollen. Dafür haben Erhardt, früher Jus- und Philosophiestudent, und Gertsch, der sich mit internationalen Beziehungen beschäftigt, das Projekt GoodGamer lanciert.

 

Es begann mit bunten Gewehren

Kennengelernt haben sich die beiden bei der Stiftung für Effektiven Altruismus. Dessen Anhänger wollen so leben, dass ihr Handeln stets möglichst positive Auswirkungen für alle hat. Jonathan Erhardt sieht da viele Parallelen zum Gamen: «Bei Strategiespielen versucht man, das Maximum aus seinen Ressourcen zu holen.»

Dafür müsse man sich überlegen: Wie viele Kämpfer kaufe ich? Wie viel stecke ich in die Entwicklung für bessere Kämpfer? 
Man müsse versuchen, 
die Balance zwischen Forschung und direkter Investition zu finden. «Im 
effektiven Altruismus geht es genau um diesen strategischen Ansatz, um die Welt möglichst effektiv zu verbessern, etwa mit wohlüberlegten Spenden.»

 

Die Idee des Duos ist völlig neu: Spenden über sogenannte In-Game Items. Für viele Onlinegames gibt es eigene Shops, wo Spieler ihre Figuren mit digitalen Artikeln ausstatten können. Mit Kleidern, Hüten, Tieren, Waffen. Erhardt und Gertsch arbeiten mit Grafikern zusammen, um solche Items zu gestalten. Mit deren Verkauf wollen sie Geld für wohltätige Projekte verdienen.

 

Beginnen soll das «gute» Gamen ausgerechnet mit Waffen. So können Spieler von «CounterStrike» aus Hunderten von Designs wählen. Dabei geht es bloss um die Farbe der Waffen: Pink, Giftgrün, in grellem Neon oder mit lustigen Motiven übersät.

Es gibt Designs für 1 Franken oder für 500. Je seltener und beliebter eine Waffe ist, desto mehr kostet sie. «Das Erstaunliche dabei: Die teuren Teile sehen oft nicht mal speziell gut aus, sie sind einfach sehr selten. Damit sind sie für manche Gamer halt das ultimative Statussymbol», sagt Erhardt.


 

Trotz aller bunten Waffen: «Counter-Strike» ist ein Kriegsspiel. Der Spieler schleicht geduckt umher, Sturmmaske, Kampfstiefel. Er schaut um die Ecke in einen Innenhof. Autowracks, Reifen. Plötzlich Schüsse. Er rennt weiter. Zielfernrohr, Kopfschuss.

 

 

«Waffen sind für manche Gamer

das ultimative Statussymbol.» 

Jonathan Erhardt, 33,

Initiant des Projekts GoodGamer 

 

 

 «Das Potenzial ist riesig»

Das Geschäft mit digitalen Artikeln boomt. Das Potenzial sei riesig, sagt Erhardt: «Wenn wir mit unserem Angebot nur schon einen Marktanteil von einem Prozent erreichen, könnten wir pro Jahr mehrere Hunderttausend Franken spenden.» Zocken ist beliebt. Bei Steam, der grössten Gameplattform, sind zu Spitzenzeiten gleichzeitig fast 13 Millionen User online. Weltweit zählt man 2,1 Milliarden Menschen zu den Gamern, Tendenz steigend (siehe Beobachter Nr. 13).

 

Kriegsspiel und Wohltätigkeit, das ist für die zwei von GoodGamer kein Widerspruch. Gertsch: «Ich sehe das als Sport, als Wettbewerb. Wirklich gute Spieler deaktivieren die grafischen Details so gut es geht, denn sie lenken ab. Die guten Gamer wollen gar keine detaillierte Gewaltdarstellung sehen.»

 

Designs sind noch nicht zu kaufen

Wird Gewalt in vielen Spielen nicht dennoch verherrlicht? «Gewalt ist erst dann problematisch, wenn sie Leid verursacht. Bei der virtuellen Gewalt ist dies nicht der Fall», sagt Erhardt. Ihm sei keine fundierte Studie bekannt, die belegen könnte, dass ein bestimmtes Spiel echte Gewalt fördert.

Gertsch fügt hinzu: «Die neusten Studien zeigen auf, dass es eben keinen Zusammenhang zwischen realer Gewalt und Games gibt. Explizite Gewaltdarstellungen gibt es auch in Filmen. Dort gibt es nie einen Aufschrei.»

 

Für Good Gamer sollen die Waffen nur der Anfang sein. Die beiden Initianten wollen zusätzliche Designs anbieten und so weitere Spieler zum Spenden bewegen. Zu kaufen gibt es die Designs allerdings noch nicht.

«Wirklich gute Spieler wollen keine

detaillierte Gewaltdarstellung sehen.»

Kaspar Gertsch, 25,

Initiant des Projekts GoodGamer 

 Gamekonsolen für Soldaten?

Gertsch hofft auf ein Umdenken in der Szene: «Wenn unsere Idee erfolgreich ist, sehe ich gute Chancen, dass wir die Idee des Helfens und des Altruismus in der Gamerszene etablieren können.» Das Geld fliesst in Projekte, die Gertsch und Erhardt auf ihre Effektivität hin geprüft haben. Bei den wenigen Spendenaktionen, die es im Gamebereich bislang gibt, sei das kaum der Fall. «Manche schicken zum Beispiel den amerikanischen Soldaten in Kriegsgebieten Gamekonsolen. Mit dem Geld liesse sich viel mehr tun», so Erhardt.

 

Geld für die Zukunftsforschung

Die GoodGamer werden selber entscheiden, wohin ihr Geld geht, ob zur Bekämpfung von Armut, des Klimawandels, der Massentierhaltung oder in die Erforschung des Spenderverhaltens.

Bei Letzterem gibt man das Geld für Fundraisingprojekte aus mit dem Ziel, dort die Spenden zu vervielfachen. Erhardt hält gerade diesen Bereich für besonders wichtig: «Spendenprojekte sind oft auf kurzfristige Ziele ausgerichtet. Ein Franken in der Zukunftsforschung kann unter Umständen mehr Leid verhindern als ein Franken bei einem heutigen Wohltätigkeitsprojekt.»

 

Spenden soll sich anfühlen wie Gamen. «Wenn wir das schaffen, haben wir gewonnen», sagt Gertsch. Erhardt fügt an: «Wir wollen den Gamern zeigen: Ihr spielt Strategiespiele. Und durch Spenden spielt ihr das Strategiespiel im realen Leben.»

 

Link:  www.good-gamer.org